Therapieinhalte

Therapieelemente — Wirkfaktoren

Die Neuro-Musiktherapie zur Behandlung von Tinnitusstörungen umfasst folgende Schwerpunkte:

1. Beratung (Counselling) / Psychotherapeutische Elemente

In einem abklärenden Vorgesprächen sowie einem edukativen „Eingangsplenum“ zu Beginn der Kompaktwoche bekommen die Betroffenen fachliches Wissen (neurologisch, psychologisch, physiologisch) über den Tinnitus vermittelt. Individuelle Unterstützung in der Auseinandersetzung mit dem Tinnitus erfahren die Betroffenen schwerpunktmäßig durch die Besprechung einer „Tinnituslandkarte“, welche sie kreativ und individuell gestalten können. Mit der Tinnituslandkarte arbeiten Patienten Situationen heraus, in denen sie ihren Tinnitus lauter, präsenter und penetranter aber auch leiser, weniger präsent und weniger penetrant wahrnehmen. Den Patienten wird dadurch die Abhängigkeit ihres Tinnitus von bestimmten Situationen bewusst, die sie oft selbst steuern können.

2. Aktive Musiktherapie

Regelmäßig erfolgt die digitale Frequenz- und Artbestimmung des eigenen Tinnitus.

Resonanzübung

Vor dem Schall-reflektierenden Gong stehend singen die Patienten das Wort „Gongggggggggg“ (qualitative und quantitative Betonung auf -ng) in der Melodieform einer Sirene (Martinshorn). Das dadurch angestrebte, möglichst große Frequenz-Spektrum erreicht eine qualitative Resonanz sowie eine Blut- und Sauerstoffversorgung verschiedener Körper- und Gehirnbereiche. Einige im Vorhinein eingeübte Haltungs- und Atemübungen unterstreichen diese Qualität.

Intonationstraining

Häufig tritt in Zusammenhang mit Tinnitus eine Hörminderung im Bereich der Tinnitusfrequenz auf. Diese für die Patienten individuell kritischen und fehlerhaften Tonbereiche sollen gezielt trainiert werden. Dazu wird die bei der Messung herausgefundene Frequenz des Tinnitus-Tones des Patienten in verschiedene Tonfolgen am Klavier eingebaut. Da der den Tinnitus betreffende Frequenzbereich meist außerhalb der eigenen Stimmbandmöglichkeiten liegt, werden äquivalente Frequenzbereiche in tiefer liegenden Oktaven gefunden. Der Patient hört zuerst zu und versucht dann die Töne richtig nachzusingen. Die Übung beginnt in der Stimmlage des Patienten. Dann werden die Töne für das Zuhören oktaviert, damit der Patient immer mehr an die meist hohe Frequenz des eigenen Tinnitus-Tones gelangt. Der Patient singt aber weiterhin in seiner Stimmlage. Am Anfang der Woche werden nur einzelne Töne präsentiert, der Schwierigkeitsgrad steigert sich entsprechend den musikalischen Fähigkeiten bis zu 5-Ton-Folgen. Bei der „Akkordübung“ wird der Patient angewiesen, zunächst einen harmonisch passenden zu improvisieren und dann gezielt den obersten oder untersten Ton des Akkordes mitzusingen.

Durch empathische Schwierigkeitsanpassung und -steigerung in Tempo, Intervallverengung, Akkordclustern und Oktavveränderungen lässt sich das individuelle Intonieren der Betroffenen effektiv trainieren.

Diese Übungen erreichen neben einer Steigerung und gezielten Steuerung der Aufmerksamkeit auch eine neuronale Reorganisation im Hörzentrum des Gehirns. Eine direkte Folge dieses Trainings ist die Verbesserung des Hörvermögens und der Diskriminationsfähigkeit, was sich auch auf Erleichterungen in alltäglichen Situationen (z.B. Richtungshören und Gespräche) widerspiegelt.

3. Rezeptive Musiktherapie

In einem rezeptiven Training mit Entspannungsmusik in Kombination mit dem von extern eingespielten eigenen Tinnitusgeräusch wird das Wahrnehmungs- und das Erholungsnetzwerk („default mode network“) des Gehirns neu programmiert. Dabei ist es vor allem wichtig, die Aufmerksamkeit auf Entspannung und Wohlgefühl lenken zu lernen, ohne dabei die Emotionen vom Tinnitusgeräusch beeinflussen zu lassen.

In den ersten Entspannungseinheiten wird ein individuelles Entspannungskonzept durch Entspannungsmusik, angeleitete Musikimagination und Entspannungstechniken (z. B. PMR) implementiert. Ist dieses stabil, werden die Betroffenen während einer Entspannungsreise sukzessive mit stressauslösenden Vorstellungen und einem dem Tinnitus ähnlichem Geräusch konfrontiert.

Bei gelingender Entspannung wird der “äußere“ Tinnitus-Ton ausgeblendet und gar nicht bewusst wahrgenommen. Im weiteren Trainingsverlauf gelingt es dann zunehmend, sich auch dem “inneren“ Geräusch zu entziehen und den eigenen Tinnitus selbstgesteuert ausblenden zu können.

In einer weiteren Anwendung werden Situationen aus der „Tinnituslandkarte“ imaginiert, um einen Alltagstransfer zu erreichen und gleichzeitig die emotionale Kopplung von stressvollen Situationen und Tinnitusreaktionen zu lösen.